Zwischen Fitnesswahn und Fairnesskult

Zum kontroversen Verhältnis von Sport und Religion

 

Heiliger Rasen – Fußballgötter – pilgernde Fans:

Ob in den  Medien oder am Stammtisch, das Sprechen über Sport ist von religiösen Metaphern durchsetzt. Choreografien, das gemeinsame Singen der immer gleichen Lieder und vieles mehr verleihen Sportevents einen nahezu liturgischen Charakter.

Hat der Sport für viele Menschen etwa tatsächlich die sinnstiftende Funktion der Religion übernommen? Wie positionieren sich religiöse Sportlerinnen und Sportler dazu? Diesen und weiteren Fragen widmet sich der Diskussionsabend „Zwischen Fitnesswahn und Fairnesskult. Zum kontroversen Verhältnis von Sport und Religion“ am 17. April 2018. 

Termin: Dienstag, 17. April 18:30 – 20:00
OrtHochschule für Philosophie München, Kaulbachstr. 31, 80539 München

Herzliche Einladung! Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Diese Veranstaltung auf Facebook anschauen.

Gäste:

  • Prof. Dr. Gunter Gebauer (Institut für Philosophie an der Freien Universität Berlin)
  • Prof. Dr. Alexander Filipovic (Lehrstuhl für Medienethik, Hochschule für Philosophie München) – Moderation
  • Dr. Juliane Fischer (Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern)

Die Diskussionsreihe “Ethik des Sports: Reflexionen zu Sinn, Kommerz und Macht” wird veranstaltet vom Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft (zem::dg) in Kooperation mit dem Institut für Ethik und Sozialphilosophie (IES) der Hochschule für Philosophie München.

Weitere Abende in der Reihe “Sport und Ethik”:

  • 15. Mai 2018: Sportjournalismus als Hofberichterstattung? Zum engen Verhältnis von Sport und Medien
  • 12. Juni 2018: Stadion und Favela – Brot und Spiele? Zum spannungsreichen Verhältnis von Sport und Politik

Digitalisierung aus sozialethischer Perspektive


Das zem::dg konzipiert die aktuelle Ausgabe der internationalen Zeitschrift für Sozialethik „AMOSinternational“ zum Thema „Digitalisierung gestalten“

Digitalisierung: Ein Schlagwort, das Veränderungsprozesse in allen Lebensbereichen umfasst. Wie diese Veränderungsprozesse aussehen und welche ethischen Fragestellungen hiermit einhergehen, damit beschäftigt sich die neue Ausgabe von AMOSinternational. Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Sozialethik, die vom Sozialinstitut Kommende Dortmund herausgegeben wird, wurde vom Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft gestaltet.

Um die Bedeutung der Digitalisierung für die Gesellschaft aufzuzeigen, eröffnen die Artikel des Heftes eine Vielfalt von unterschiedlichen Perspektiven und Bereichen auf den Prozess:

Günther Wilhelms analysiert in seinem Artikel „Wie die Digitalisierung das Verhältnis des Menschen zu seiner Arbeit verändert“ die Herausforderungen, die mit der Digitalisierung für die Arbeitswelt einhergehen. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Schicksal des einzelnen Menschen und seinen Möglichkeiten zur Selbstentfaltung.

Für mehr Gelassenheit und Bedachtsamkeit bei der Gestaltung einer tragfähigen Netzpolitik setzt sich Matthias Möhring-Hesse ein. Denn: Demokratische Beteiligung ist nicht Folge der Digitalisierung, sondern eine politische Gestaltungsaufgabe für die digitale Gesellschaft, die sorgsam durchdacht werden muss und nicht auf die Schnelle zu haben ist.

Wie kann Digitalisierung dazu beitragen, gerechter und besser zusammenzuleben? Dieser Frage geht Michael Nagenborg in seiner Analyse „Die digitale Stadt“ nach. Hierin zeigt er auf, dass digitale Technik das Leben in der Stadt einerseits gerechter gestalten – andererseits jedoch auch Ungleichheit produzieren kann. Dass die grundlegende Vision einer „guten Stadt“ angesichts der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten digitaler Technik nicht untergehen dürfe, ist dabei eine seiner zentralen Thesen.

Auf die Frage danach, wie Digitalisierung das Leben und Lernen in der Schule bestimmt, geht Andreas Büsch in seinem Text „Non scholae sed vitae!?“ ein. Seiner Ansicht nach, darf digitale Bildung nicht an den Grenzen des Schulhauses aufhören. Schließlich geht es bei digitaler Bildung auch um die Partizipation an gesellschaftlichen Entwicklungen – und damit auch darum, wie wir zukünftig miteinander leben, lernen und arbeiten wollen.

Unter dem Titel „Digitalisierung menschlich gestalten“ diskutieren Thorsten Busch und Tobias Karcher die unternehmerische Verantwortung in Zeiten von Big Data. Hierbei zeigen sie die Vor- und Nachteile, die mit der Digitalisierung einhergehen auf und geben Empfehlungen für einen kritischen und lebensdienlichen Umgang mit Digitalisierung.

Nähere Informationen zum Heft sowie die Möglichkeit die Ausgabe zu bestellen finden Sie unter diesem Link

Eine Detailübersicht aller Heftinhalte sowie Downloadmöglichkeiten zu ausgewählten Artikeln und der Abstracts finden Sie unter diesem Link

 

“Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst”

Rückblick auf die Abendveranstaltung "Frieden und Journalismus" mit Dr. Nicola Albrecht und Henriette Löwisch

„Wahrheit stirbt im Krieg leider tatsächlich zuerst. Alle Parteien wollen ihre Seite des Konflikts an die Medien verkaufen“, mit diesen Worten beschreibt die Nahost-Korrespondentin Dr. Nicola Albrecht, wie schwer es fällt, in Zeiten des Krieges als Journalistin hochwertigen Journalismus zu machen. Wie kann guter Journalismus dennoch gelingen? Und wie kann Journalismus zum Frieden beitragen – und soll er das überhaupt? Dieser Frage ging die Veranstaltung „Journalismus und Frieden – Aufgaben der Medien in Krieg und Krisen“ auf den Grund. Zusammen mit Dr. Nicola Albrecht diskutierten die Leiterin der Deutschen Journalistenschule Henriette Löwisch und Prof. Dr. Alexander Filipović die Potentiale, Chancen und Herausforderungen, die mit einem friedensorientierten Journalismus einhergehen.

Die Veranstaltung fand am 12. Dezember 2017 in den Räumen der Bibliothek der Hochschule für Philosophie in München in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Praktische Phi­losophie mit dem Schwerpunkt Völkerverständigung statt.

Nachfolgende Bildergalerie soll die Impressionen des Abends vermitteln und bereits die Neugier auf unsere kommenden Veranstaltungen im Kontext der Reihe „Medienethik in der Bibliothek“ wecken.

Sie möchten mehr wissen? Nach Weihnachten werden wir in unregelmäßigem Turnus Videoimpressionen zum Abend auf unserer Facebook-Seite veröffentlichen. Schauen Sie vorbei – wir freuen uns auf Sie!

Ausschreibung: Freie Mitarbeit zur Erstellung eines eLearning-Kurses

Kontext der Ausschreibung

Für das Bildungswerk Rosenheim e.V. erstellt das Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft (zem::dg) einen eLearning-Kurs zum Thema „Digitale Ethik“. Der Kurs gliedert sich in 4 Lernpakete (Module) sowie eine kurze Einführungseinheit auf. Zur Erstellung dieses Kurses sucht das zem::dg zum nächstmöglichen Zeitpunkt Unterstützung durch eine/einen freie/n Forschungsmitarbeiter_in.

Aufgabengebiet

Das Aufgabengebiet umfasst die Unterstützung des zem::dg-Teams bei der Konzipierung der Modulinhalte, deren didaktischen Aufbereitung sowie der grafischen und interaktiven Aufbereitung im Lernmanagement-System.

Profil

Grundkenntnisse im Umgang mit Lernmanagement-Systemen (bevorzugt Moodle) werden vorausgesetzt. Kompetenzen im Bereich Erwachsenenbildung oder Pädagogik wären ideal. Wünschenswert wären darüber hinaus erste Kenntnisse im Bereich „Digitale Ethik“ oder Grundkenntnisse in der Angewandten Ethik.

Zeitlicher Umfang und Vergütung

Der eLearningkurs wird voraussichtlich im Zeitraum von Januar 2017 bis April 2018 erstellt. Der veranschlagte Zeitaufwand für die Projektunterstützung beträgt ca. 14 h/Woche, wobei die Einteilung der Arbeitszeit größtenteils flexibel möglich ist. Das veranschlagte Stundenhonorar für die freie Mitarbeit beträgt je nach Qualifikation 8,90 bis 20,- €/h.

Wir freuen uns auf aussagekräftige Bewerbungen bis 8. Januar.

Für Rückfragen steht Ihnen Frau Susanna Endres (susanna.endres@zemdg.de) sehr gerne zur Verfügung.

Über diesen Link können Sie sich die Ausschreibung als PDF herunterladen.

Wenn Science-Fiction Realität wird: Wie Roboter unseren Alltag verändern

Wie stellen wir uns Roboter vor? Der menschenähnliche Roboter, wie er im Film dominiert, ist in der Realtiät eher die Ausnahme ...

Wenn wir von Robotern sprechen, denken wir auch heute noch in erster Linie an Science-Fiction-Romane. Oder an mittelmäßige Hollywood-Streifen à la Terminator. Kein Wunder, dass die Hoffnungen und Befürchtungen, die dem Thema entgegenschlagen breiter nicht sein könnten: Während auf der einen Seite die diffuse Angst vor „Killermaschinen“, die die Existenz der gesamten Menschheit bedrohen könnten, vorherrscht, sieht die andere Seite Roboter als Heilsbringer, die die Menschheit von der Notwendigkeit der Erwerbsarbeit befreien.

Doch wie sieht die Realität tatsächlich aus?
Wohin könnten die Entwicklungen gehen?

Je nachdem, wie man den Begriff „Roboter“ definiert, sind Roboter schon heute in vielen Haushalten fester Bestandteil unseres Alltags: Vom „Rasenmäh-Roboter“ über den „Staubsauger-Roboter“ bis hin zum Kühlschrank, der bei Bedarf selbst Lebensmittel, die zur Neige gehen, nachbestellt, sind uns entsprechende Maschinen nicht fremd. Mit menschenähnlichen Robotern, wie wir sie aus Filmen oder Büchern kennen, haben diese (relativ einfachen) Geräte jedoch nicht viel zu tun. Vielleicht fällt es uns auch aus diesem Grunde so leicht, uns an ihre praktischen Funktionen zu gewöhnen.

Dass mit diesen so unscheinbaren Alltagshelfern durchaus größere ethische Fragestellungen einhergehen, verliert man dabei schnell aus dem Blick. Dabei sind zahlreiche Aspekte, wie etwa welche Daten durch die heimischen Roboter erhoben werden und was mit diesen geschieht/geschehen darf, bis heute nicht endgültig geklärt.

Auch in der Industrie – in der unter dem Stichwort „Arbeit 4.0“ oder „Industrie 4.0“ das Thema „Robotik“ ein Schlagwort geworden ist – haben und halten Roboter sukzessive Einzug. Automatisierung, Autonomisierung, Flexibilisierung und Individualisierung sind Kennzeichen der „Smart Factory“, die effizient und effektiv agieren und reagieren soll (Bendel, 2015, S. 750).

Die große Befürchtung, dass durch Industrieroboter und –anlagen sukzessive immer mehr Arbeitsplätze vernichtet werden, dominiert dabei immer wieder die Schlagzeilen. Umgekehrt können gerade in Arbeitsbereichen, in denen Arbeitskräfte fehlen, wie etwa dem Pflegesektor, Roboter eine deutliche Entlastung darstellen. Dass mit dem Einsatz von Robotern speziell im sozialen Bereich, in dem das zwischenmenschliche Miteinander von großer Bedeutung ist, jedoch auch nicht als Patentlösung angesehen werden kann und in der Umsetzung durchaus auch kritisch reflektiert werden muss, sollte dabei selbstverständlich sein (Beck, 2013, S. 7).

Sicherlich ist unser Eingangsbeispiel – der Roboter als „Killermaschine“ – sehr drastisch gewählt. Blickt man jedoch auf die aktuellen Entwicklungen im militärischen Kontext, wird deutlich, dass es gar nicht so sehr aus der Luft gegriffen ist. Drohnen, die ferngesteuert Ziele anvisieren können, stellen nur einen ersten Schritt hin zu einem vollautomatisierten Waffensystem dar. Derartige Entwicklungen werfen große ethische Fragestellungen auf, die es mit Blick auf den rasanten technischen Fortschritt zu diskutieren gilt (Weidlich, 2013, o. S.).

Dürfen Maschinen töten? Roboter und Moral

Das Einsatzgebiet von Robotern wird breiter – und dringt bis in unseren Alltag vor. Zudem werden Roboter und roboterähnliche Maschinen immer „intelligenter“. Künstliche Intelligenz, also Maschinen, die aufgrund von „Erfahrungen“ selbst lernen und ihre Handlungsabläufe anpassen können, sind bereits heute Realität. Doch was bedeutet das für moralische Fragestellungen? Können wir es zulassen, dass Maschinen über Leben und Tod entscheiden?

Mit dem selbstfahrenden Auto gelangten entsprechende Fragestellungen zunehmend in die Öffentlichkeit. Wie schwierig die Entscheidungen, um die es hierbei u. a. geht, zu treffen sind, wird etwa in dem Projekt „Moral Machine“ (http://moralmachine.mit.edu/hl/de) des Massachusetts Institute of Technology deutlich: Hier können Nutzer unterschiedliche Dilemmata, auf die selbstfahrende Autos treffen könnten, virtuell durchspielen. Im Anschluss an die eigene Entscheidung kann man sein Urteil mit dem von anderen Teilnehmer_innen vergleichen und diskutieren.

Selbstfahrendes Auto von Google. Von Michael Shick - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44405988

Eine andere Frage nach der Moral der Maschinen wirft u. a. das Stichwort „Roboterjournalismus“ auf. Schon heute werden Algorithmen dazu eingesetzt, um Sportnachrichten oder Börsenberichte zu verfassen. Doch wie steht es um Roboterjournalismus, wenn komplexere Inhalte berichtet werden sollen? Wie können Roboter entscheiden, welche Nachrichten für die Leser_innen, für die Gesellschaft wirklich relevant sind? Fragen wie diese zeigen, dass wir trotz all der technischen Potentiale, die mit den Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz einhergehen, Robotern – gerade wenn es um komplexere, ethische Fragestellungen geht – die Kompetenz der Entscheidungsfindung (noch) nicht zutrauen.

Doch was würde es umgekehrt bedeuten, wenn Roboter tatsächlich dazu in der Lage wären, moralische Entscheidungen zu treffen? Wie müssten wir mit Robotern in diesem Falle umgehen? Was wir in der Science-Fiction-Literatur unter dem Thema „Roboter-Rechte“ in naiver Faszination gelesen haben, müsste dann auch in der Realität zu diskutieren sein (Bendel, 2016, S. 189 ff.).

 

Veranstaltungstipp: International Research Conference Robophilosophy 2018

Bereits in diesem kurzen Abriss wurde deutlich, dass das Thema „Robotik“ zahlreiche Fragen aufwirft.

Welche konkreten Auswirkungen die Robotik auf die Gesellschaft haben kann, das wird auf der „International Research Conference Robophilosophy 2018 / TRANSOR 2018“ aus primär geisteswissenschaftlicher Sicht diskutiert. Aktuelle Forschungsergebnisse werden dort mit starkem Praxisbezug präsentiert.

So lauten die drei Hauptziele der Veranstaltung:

  • „present interdisciplinary Humanities research in and on social robotics that can inform policy making and political agendas, critically and constructively
  • investigate how academia and the private sector can work hand in hand to assess benefits and risks of future production formats and employment conditions.
  • explore how research in the Humanities, including art and art research, in the social and human sciences, can contribute to imagining and envisioning the potentials of future social interactions in the public space.“

Die Konferenz findet vom 14.-17. Februar 2018 an der Universität Wien statt.

Weitere Informationen und Anmeldung finden Sie auf der Veranstaltungsseite der Universität Wien.

Die Moral der Maschinen

Rückblick auf den Katholischen Medienkongress 2017

„Es ist erst der Anfang …“, unter diesem Titel fand der Katholische Medienkongress Anfang dieser Woche in Bonn statt. Und der Titel war programmatisch: Nicht nur beschrieb er treffend die inhaltliche Fokussierung der einzelnen Panels; vielmehr schien er auch die Teilnehmenden dazu zu ermutigen, optimistisch in die Zukunft zu blicken, um die Digitalität wertestiftend mit zu gestalten.

Das wurde auch in unserem Panel deutlich. Das Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft war Pate des sehr gut besuchten Panel 3 „Die Moral der Maschinen“ und somit auch für dessen Gestaltung verantwortlich. Während Prof. Dr. Klaus-Dieter Altmeppen das Panel moderierte, bereicherte Prof. Dr. Alexander Filipović die Diskussion mit seiner philosophischen Perspektive auf das Thema. Neben den beiden Leitern des zem::dg trugen Nele Heise, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Referentin an der Universität Hamburg und Prof. Dr. Petra Grimm, Dozentin für Medienforschung und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart und Leiterin des Instituts für Digitale Ethik mit ihren Perspektiven zu einer differenzierten und praxisnahen Auseinandersetzung mit dem Thema bei.

"Welches Mediensystem haben wir und welches Mediensystem brauchen wir?"

Diese zentrale Frage beherrschte das spannende Gespräch sowie die Podiumsdiskussion. Denn dass es bei allem technischen Fortschritt immer auch um die Frage nach uns selbst und wie wir uns eine gute und lebenswerte Gesellschaft vorstellen geht, das stand im Zentrum all der vielfältigen und inspirierenden Stellungnahmen zum Thema. Algorithmen dominieren – in all ihrer Vielseitigkeit – immer stärker unser Leben. Das wirft wichtige ethische Fragestellungen auf. Diese Feststellung war bei allen Panel-Teilnehmern Konsens. Doch wie können und sollten wir hiermit umgehen? Können Algorithmen reguliert werden? Und was bedeuten Algorithmen für Begriffe wie „Medienkompetenz“ und „Medienbildung“? Dass gerade in diesem Bereich auch ein kreativer und produktiver Zugang hilfreich ist, betonte Nele Heise. Sie verwies hierzu exemplarisch auf die Projekte „Creative Gaming“ und „Jugendhackt“.

Das Panel zeigte auf, wie wichtig Transparenz, Datensicherheit und aber auch verantwortungsvolle Geschäftsmodelle der Medien- und Technologieanbieter sind. Dass die Kirchen als Impulsgeber hierbei eine wichtige Rolle spielen, wurde hier – aber auch bei den anderen Veranstaltungen des Kongresses – deutlich.

Es ist erst der Anfang – und noch haben wir die Möglichkeit, die Weichen zu stellen. Dass hierzu auch der medienethische Blick von zentraler Bedeutung ist, das betonte Reinhard Kardinal Marx in seinem Abschlusswort zum Kongress und nannte hierzu als positives Beispiel den Lehrstuhl für Medienethik in München.

Der Katholische Medienkongress 2017: Ein wichtiger Impulsgeber für mehr Sensibilität und Bewusstsein im Umgang mit den digitalen Medien.

Cyber-Krieg und Populismus – Korrelative Herausforderungen für Deutschland und Europa

Zwei Sorgen wurden seit der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl immer wieder mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 artikuliert: mögliche Hackerangriffe im Vorfeld des Urnenganges und der Parlamentseinzung einer Partei mit starken populistischen Strömungen. Nun liegt die Wahl hinter uns: Die AfD ist mit einem zweistelligen Ergebnis im Bundestag vertreten und die Cyber-Bedrohungen – mithin die Gefahr militärischer Angriffe im Cyber-Raum – bestehen fort. Daher lohnt sich ein Blick auf die korrelativen Beziehungen zwischen beiden Herausforderungen: Cyber-Krieg und Populismus.

Cyber-Krieg als politische Herausforderung

Dass eine sicherheits- bzw. verteidigungspolitische Antwort auf die gegenwärtigen Herausforderungen notwendig ist, steht außer Frage. Jedoch besteht gegenwärtig die deutliche Tendenz zu einer einseitigen digitalen Aufrüstung. Dies birgt drei Kernherausforderungen:

Erstens gerät das Internet als Raum ziviler Nutzung in Gefahr. Daher müssen bei allen Entscheidungen berechtigte Sicherheitsinteressen gegen Freiheitsrechte der Nutzer abgewogen werden. Zweitens sind Angreifer im Netz nur schwer identifizierbar, sodass „Gegenschläge“ unter besonderem Vorbehalt stehen. Dies stellt vor allem die Mandatierung und Kontrolle von Einsätzen vor schwierige Fragen. Drittens unterliegen „Kampfhandlungen“ im Cyber-Raum ebenso wie herkömmliche gewaltsame Auseinandersetzungen den Mechanismen von Wettrüsten und Konfliktverschärfung.

Vor dem Hintergrund derartiger Herausforderungen hat Annegret Bendiek in ihrer Studie zur „Sorgfaltsverantwortung im Cyberraum“ drei Leitgedanken für eine angemessene Cyber-Außen- und Sicherheitspolitik entwickelt: „Europäische Zusammenarbeit: Einbindung nationaler Politiken in den europäischen Rahmen, Inklusivität: breite, offen zugängliche Repräsentation unterschiedlicher Interessengruppen in der Politikformulierung, Zivilität: Vorrang der zivilen gegenüber der militärischen Komponente“ .

Cyber-Bedrohungen und Populismus

Konzepte, die sich diesen Ideen verpflichtet sehen, haben es unter den Bedingungen einer öffentlichen Debatte, die zunehmend von populistischen Positionen beeinflusst wird, deutlich schwerer, Rückhalt zu gewinnen. Hierzu drei wesentliche Gesichtspunkte:

Erstens besteht eine unmittelbare Überschneidung von Populismus und Cyber-Bedrohungen, wo die digitale Infrastruktur in problematischer Weise zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung genutzt wird. Bei Cyber-Angriffen auf kritische Infrastruktur und der digitalen Verbreitung von Propaganda haben wir es mit Phänomenen zu tun, denen zwar auf unterschiedlichen Wegen zu begegnen ist, die jedoch beide auf die Erosion gesellschaftlicher und politischer Strukturen abzielen können.

Zweitens dienen tatsächliche und empfundene Bedrohungen zur Untermauerung populistischer Positionen. Es braucht nicht zu verwundern, wenn Cyber-Angriffe durch Populisten instrumentalisiert werden, wo es darum geht, das Grundvertrauen der Bevölkerung in die Politik an sich und die deutsche bzw. europäische im Besonderen zu untergraben.

Drittens steht zu befürchten, dass eine Verschärfung der öffentlichen Debatte über Sicherheitsfragen ihrerseits digitales Wettrüsten und Versicherheitlichung des Cyberraums befördert. Denn, die Muskeln spielen zu lassen, ist eine vielversprechende Möglichkeit, dem verängstigten Volk Sicherheit zu suggerieren. Für Annegret Bendiek machen sich bereits in den aktuellen Strategien der EU Versicherheitlichung und Militarisierung bemerkbar. Infolgedessen entwickle sich „relativ eigenständig ein Markt, nämlich ‚security as a service’, dessen Kehrseite ‚crime as a service’ ist“ .

Notwendige Reflexionen

Wie kann dieser doppelten Herausforderung innerhalb des öffentlichen Diskurses begegnet werden? Was Not tut, ist die nachhaltige Dekonstruktion des gängigen öffentlichen Redens vom Cyber-Krieg.

Hierzu haben Ben Wagner und Kilian Vieth mit ihrem Aufsatz „Was macht Cyber? Epistemologie und Funktionslogik von Cyber“ bereits einen wichtigen Anstoß gegeben. Sie stellen fest: „Die konstruierte Konkurrenz“ zwischen Cyberraum und realer Welt „hat es nie gegeben, die Unterscheidung von virtuell und real ist eher eine gesellschaftliche Konvention, keine aus Strukturen ableitbare Gegebenheit“. Hieraus resultiert für sie die politische Mobilisierungfunktion des Cyber-Begriffs, „indem er etwas Neues und bisher noch nicht Dagewesenes suggeriert, wofür entsprechend auch neue Ressourcen mobilisiert werden müssen“ . Eine ihrer Schlussfolgerungen lautet: „Anstatt ständig in luftigen Höhen über ein sehr praktisches Phänomen zu sprechen, wäre es daher viel sinnvoller über den praktischen Umgang mit Cyber zu sprechen, also was Menschen tatsächlich machen wenn sie Cyber sagen.“

Übertragen auf das Phänomen Cyber-Krieg würde dies bedeuten, ihn nicht zu einem von konventionellen Konflikten losgelösten Phänomen bzw. einer fremdartigen Bedrohung zu stilisieren. Vielmehr sollte in der öffentlichen Debatte geklärt werden:

  • Wo bestehen strukturelle Parallelen zwischen konventionellen und Cyber-Bedrohungen, wo hingegen tatsächlich neue Herausforderungen?
  • Welche bereits bestehenden Mechanismen der Konfliktprävention und -behebung können übertragen, welche weiterentwickelt, welche neu geschaffen werden?

Eine derartige Rückkehr der Besonnenheit in den Diskurs könnte dann letztlich auch populistischen Angstszenarien den Wind aus den Segeln nehmen.

Tilman Asmus Fischer studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Geschichte, Kulturwissenschaft und evangelische Theologie. Als freier Autor schreibt er über politische, zeitgeschichtliche und theologische Themen.

Die Zukunft von E-Learning – Digitale Medien an Schulen

Duolingo, Babbel, Tinycards, CrashCourse – das Angebot an Lernplattformen und internetbasierten Sprach-Apps ist riesig. Die Nutzerzahlen sprechen für eine hohe Popularität dieser Angebote. Wäre es da nicht möglich diese Popularität zu nutzen? Sollte man aus dieser Popularität lernen und durch E-Learning, also den Einsatz digitaler Medien in Lehrprozessen, diese zu fördern und zu verbessern? Denkbare Nutzungsfälle sind zum Beispiel der Schulunterricht und individuelle Förderung bei Lernschwächen. Bei aller notwendigen Sachkritik an Lerninhalten, spricht einiges dafür, der Option des E-Learnings nicht mit Scheu, sondern Neugierde zu begegnen.

Die Frage der Verbesserung von Lernangeboten durch digitale Medien wurde schon oft gestellt und war vielfach Anlass zur Untersuchung der Frage, wie effektiv digitale und mediale Lehr- und Lernangebote tatsächlich sind. Die Ergebnisse dieser Studien sind vielfältig und natürlich auf unterschiedlichste Fragestellungen bezogen, zeigen aber eine klare Tendenz, die den Schluss zulässt, dass die Einbindung digitaler Medien in Lehrkonzepte durchaus hohes Potenzial bietet.

Dabei kann nicht a priori und pauschal gesagt werden, ob E-Learning wirkt oder nicht. Die angemessenste und zugegebenermaßen auf den ersten Blick recht unbefriedigende Aussage wäre wohl: „Es kommt drauf an!“ Es gilt nämlich, eine Reihe von Faktoren zu berücksichtigen, die den Prozess und letztlich das Resultat beeinflussen.

Fürs Erste kann man sich dabei auf drei primäre Fragen konzentrieren:

  1. Welches Medium wird genutzt?
  2. In welchem Rahmen wird es genutzt?
  3. Von wem wird es auf Seiten der Lehrenden und Lernenden jeweils genutzt?

So kann es je nach Unterrichtskonzept förderlich sein, die Klasse, geschlossen oder in Gruppen (möglicherweise sogar als Wettbewerb), mit einem Videospiel zu konfrontieren, in dem es darum geht Aufgaben durch den Einsatz von erlerntem Fachwissen zu lösen und Fortschritte zu machen. In anderen Situationen bietet sich die Möglichkeit, Videomaterial in den Unterricht einzubeziehen, oder Lern-Apps zu verwenden, um Hausaufgaben aufzugeben.

Aus den Ergebnissen der Untersuchungen lassen sich einige Kriterien für die effektive Nutzung von E-Learning-Werkzeugen ableiten: Die genutzten Medien müssen altersgerecht entwickelt sein und den Fähigkeiten der Schüler entsprechen, diese also weder über-, noch unterfordern. Mittels adaptiv gestalteter Programme wäre es sogar möglich, gezielt auf den Fortschritt und die Stärken und Schwächen einzelner Schüler einzugehen und herauszufinden, wo Förderungsbedarf besteht und wo nicht. Direktes Feedback über die eigenen Leistungen nach jeder erfüllten Aufgabe hätte zudem positive Auswirkungen auf das Selbstwirksamkeitsempfinden der Schüler und somit auf ihr Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wichtig ist bei all dem auch, dass darauf geachtet wird, dass die Lehrkraft mit dem Medium vertraut ist und in der Lage ist, souverän damit umzugehen.

Die mögliche Sorge, digitale Lehrmethoden könnten Lehrerinnen und Lehrer als Personen obsolet machen, sollte aber nicht aufkommen. Es geht weder darum, den Beruf des Lehrers abzuschaffen, noch den Schüler auf sich allein zu stellen.

Im Gegenteil: Ausgerechnet Blended Learning Ansätze, also eine Kombination aus digitalen Angeboten und Präsenz, Anleitung und Feedback von Lehr- und Fachkräften, haben sich als besonders wirksam erwiesen. Digitale Medien sollen dem Lehrenden also nicht die Arbeit abnehmen, sondern vielmehr dabei helfen, diese effektiver und facettenreicher zu gestalten.

Über das Didaktische hinaus hat die Verwendung von digitalen Medien insbesondere an Schulen den weiteren Effekt, dass sie dabei hilft, den „digital divide“, also die Kluft zwischen Jungen und Mädchen in der Nutzung und im Umgang mit digitalen Medien, weiter zu schließen. Die Nutzung von digitalen Medien in digitalen Lernformaten vermittelt Kompetenzen, die im Alltag und in späteren Situationen von entscheidender Bedeutung sein werden. So zum Beispiel in Ausbildung, Beruf oder im Studium, wo computergestütztes Arbeiten und Recherche mittels Onlinedatenbanken längst zum Standard gehören.

Letztlich handelt es sich bei Konzepten wie E-Learning und dem entsprechenden Einsatz digitaler Medien um ein äußerst komplexes und situationsabhängiges, aber auch ein äußerst vielversprechendes Themengebiet, für das es keine universell anwendbare Formel gibt.

Demnach sollte an diese Option mit Neugier und nicht mit Scheu herangegangen werden, um Angebote zu schaffen, die nicht nur neusten Stand der Technik entsprechen, sondern auch möglichst gute Ergebnisse in Aussicht stellen und realistische Perspektiven schaffen.

Nicolas Kanzleiter studiert im Masterprogramm Psychologie an der Hochschule Fresenius München und forscht zum Themengebiet ‘Digitalisierung’, ‘Digitale Medien’, ‘Psychologie’ und ‘Bildung’.

“Daten alleine gewinnen keine Wahlen!” Eine kritische Analyse der Berichterstattung zur Psychometrie im Wahlkampf

Die Debatte um psychometrische Analysen von Wählerinnen und Wählern im US-Wahlkampf erzeugt vor der Bundestagswahl 2017 auch in Deutschland immer wieder Wellen der Aufmerksamkeit. Sie ist durchsetzt von der subtilen Macht der Manipulation – allerdings nicht nur, wie meist angenommen, durch die dunklen, hyperintelligenten Datenmächte, sondern auch durch plausible, aber fragwürdige Narrative in der Berichterstattung. Eine kritische Analyse von Thema und Präsentation ist angesagt.

Seit Hannes Grassegger mit einem Artikel über die Datenfirma Cambridge Analytica das Thema der Psychometrie auf die Agenda gesetzt hat, wird die Frage der Datennutzung regelmäßig diskutiert – mal mit beruhigendem Tonfall („Da ist gar nichts Neues dabei!“) und mal mit alarmistischem Tonfall („Alles ist neu und die Welt geht den Bach runter!“).

Mindestens zwei Ebenen sind auseinander zu halten: 1. Was ist technisch möglich und wird in den verschiedenen Lebensbereichen eingesetzt? Und 2. Welche Rolle haben diese Technologien politisch in der US-Wahl gespielt? Die Grundthese dieser Reflektion ist, dass 1. technisch schon beeindruckend viel möglich ist, aber 2. die Rolle dieser Technologien in der US-Wahl 2016 sehr klein und nicht wahlentscheidend war.

Stanford-Professor Michael Kosinski, der in Grasseggers Artikel zur Methodik digitaler Psychometrie befragt wird, sorgte kürzlich für eine neue Welle der Empörung. Algorithmen, so Kosinski, könnten bald die politische Orientierung und den IQ vom Gesicht eines Wählers ablesen. Dass so etwas möglich ist, zeigte er mit einem hier beschriebenen Algorithmus, der in 81 Prozent der Fälle die sexuelle Orientierung von Männern richtig erkennen konnte. Sollten diese Technologien tatsächlich praktisch einsatzfähig werden, stellen sich eine ungeheure Menge an digitalethischen Fragen, die noch nicht im Ansatz hinreichend erforscht sind.

Für das Verständnis des politischen Einflusses der schon genutzten Technologien wie das Microtargeting auf Facebook hilft eine Einordnung in die langfristige Entwicklung weiter. Auch nach einer Reihe von kritischen Antworten auf Grasseggers Artikel in Deutschland und den USA hält sich leider in der einschlägigen Berichterstattung die Ansicht, es sei die Trump-Kampagne gewesen, die das Microtargeting von Facebook, das schon seit Jahren von Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Akteuren genutzt wird, zum ersten Mal in die Politik gebracht hätte. Das ist falsch.

Obama und Clinton haben beide seit vielen Jahren umfangreiche Datenteams im Einsatz. Viele der Ideen im digitalen Wahlkampf beruhen auf Lifetargeting-Strategien, die schon von Bill Clinton und George W. Bush verwendet wurden, sind seit über einem Jahrzehnt im Standard-Repertoire aller politischen Kampagnen in den USA. (Das einschlägige Buch dazu ist Applebee’s America: How Successful Political, Business, and Religious Leaders Connect with the New American Community. Es wurde 2007 von Clinton-Berater Doug Sosnik und Bush-Berater Matthew Dowd mit dem Journalisten Ron Fournier veröffentlicht.) Schon 2004 begannen die Demokraten das Internet als Raum zu verstehen, in dem die Kampagnen der Zukunft entschieden werden würden. Nicco Mele, Digitalstratege der Kampagne von Howard Dean, war einer der Pioniere in der Nutzung von digitaler Technologie und Social Media, und hat damit das politische Fundraising und die amerikanische Politik revolutioniert. Auch die Obama-Kampagnen griffen auf die Erfahrung aus Meles Arbeit für die Dean-Kampagne zurück.

Mele leitet mittlerweile das Shorenstein Center für Medien und Politik an der Harvard-Universität und hat ein Buch darüber geschrieben, wie das Internet den vermeintlichen Underdog David zum neuen Goliath macht. Passagen des Buches lesen sich wie eine Prophezeiung des Erfolgs von Donald Trump. Entsprechend war Mele einer der wenigen, die schon seit Herbst 2015 in einem Blog-Post erklärte, dass die – auch durch digitale Transformation begünstigten – langfristigen Entwicklungen in einem Trump-Gewinn 2016 kulminieren würden. Cambridge Analytica war dafür nicht nötig.

Ein kritischer Blick auf eine spekulationsreiche Debatte in 5 wichtigen Punkten:

1. Cambridge Analytica ist sehr gut in der Vermarktung von wenig Substanz und hat dabei nicht immer die Wahrheit gesagt.

Die New York Times schrieb im Juni 2017 über die Unstimmigkeiten in den Erzählungen der Vertreter von Cambridge Analytica. Diese gestehen jetzt ein, dass „die Firma nie Pschometrie in der Trump-Kampagne verwendet hat. Camebridge Analytica wird zwar durch die Werbematerialien der Firma und die Berichterstattung der Medien als Meister der dunklen Kampagnen-Künste präsentiert. Die Technologie bleibt aber unbelegt, so ehemalige Mitarbeiter und Republikaner, die die Arbeit der Firma kennen.“

2. Der Fall zeigt die Manipulierbarkeit der Massen nicht nur in Form von Datennutzung durch Kampagnen, sondern auch durch effektives Storytelling und das Ausnutzen des Belief Bias durch Cambridge Analytica.
Heidi Tworek analysierte im Mai 2017 im Blog des Nieman Labs an der Harvard-Universität: „Mit Cambridge Analytica sind wir gleich wieder bei der alten neuen Vision der Sozialpsychologie und der Massenpsychose, die von Gustave Le Bon in 1895 popularisiert wurde. Die harten Beweise für den Einfluss von Cambridge Analytica sind im besten Fall dubios. Das Unternehmen arbeitete zunächst mit Ted Cruz und wechselte erst zu Trump als Cruz zurückzog.“ Die Firma „hat sich erfolgreich in den Fokus hinein vermarktet. Aber wir bräuchten viel mehr Informationen, um zu wissen, ob ihre Techniken einen kausalen Einfluss hatten. Es gibt Hinweise darauf, dass das Trump-Team die Dienste von Cambridge Analytica in den letzten Wochen der Kampagne nicht einmal in Anspruch genommen hat.“

3. Mitarbeiter von Trumps Kampagne haben von Anfang an gegen das Cambridge-Narrativ angeschrieben, allerdings haben sie in Deutschland keine Resonanz damit gefunden.
Gerrit Lansing, Chief Digital Officer von Trump, hat Nix auf Twittersofort als Lügner gebrandmarkt. Gary Coby, Director of Digital Advertising für Trump, hat auf Twittererklärt, Cambridge sei nicht wahlentscheidend gewesen und Psychographen würden ebenfalls nicht von der Kampagne benutzt. Zwar sind Verlautbarungen von Mitarbeitern der Trump-Kampagne nicht ohne weiteres als gesicherte Information zu verstehen. In der Berichterstattung zum Thema müssten solche Stimmen aber zumindest vorkommen.

4. Was Nix als “psychometrisches Targeting” beschreibt, ist vor allem Spekulation, die ohne ausreichende Datengrundlage mit einer guten Geschichte Erfolg erzielt hat, weil sie plausibel ist.
Dave Karpf hat mehrere gute Artikel geschrieben, in denen er die Marketing-Aktivitäten von Datenfirmen im Wahlkampf kritisch analysiert. Alle drei protestieren gegen das Reinfallen auf simple Marketing-Tricks und sind Pflichtlektüre für alle, die sich mit dem Thema auseinander setzen: Retrospective WishcastingWill The Real Psychometric Targeters Please Stand UpPreparing for the Campaign Tech Bullshit Season

5. Viele der Datenanalyse-Tools sind in den USA seit Jahrzehnten in Gebrauch und in den letzten Jahren nur graduell verbessert worden. Sie sind keine Wunderwaffe.
Wenn Kritik an Datennutzung in Wahlkämpfen formuliert wird, dann sollte sie unabhängig von Trump formuliert werden, denn die Datenanalyse-Tools wurden in den letzten zwei Jahrzehnten von nahezu allen Kandidaten in nahezu allen Kampagnen in Bund und Ländern in den USA benutzt. Hier spricht Reince Priebus (Vorsitzender des Nationalkommittees der Republikaner während der Trump-Kampagne) über die vielen Millionen Dollar, die sein Team in Daten investiert hat, und die Nutzung dieser Daten, um Orte zu identifizieren, die für Republikaner ungehobene Wählerpotenziale bereit hält. Exklusiv von den Republikanern wurde die Methode des Lifetargetings aber nicht eingesetzt.

Im Gegenteil: Hier spricht Obamas Kampagnenmanager Messina über die umfangreiche Nutzung von Daten in 2012. Auch schon Bill Clinton und George W. Bush haben Techniken des Lifetargetings benutzt, wie es in Applebee’s America von ihren Beratern anschaulich beschrieben wird. Anders als in Deutschland sind diese Verfahren in den USA also seit Jahren gang und gäbe. Einige Insider gehen so weit, Hillary Clintons Daten-Team als “most sophisticated data team in history” und als Symbol des Versagens von Datenanalyse zu bezeichnen. Die Anzeichen mehren sich, dass Clinton bessere Daten zur Verfügung hatte, diese Daten aber nichts ohne eine “gut values connection” sind, wie sie von Berater Doug Sosnik beschrieben wird.

Was also können wir aus der US-Wahl 2016 für das Verständnis der technologischen Entwicklung und ihren Einfluss auf Wahlkämpfe wirklich lernen?

Die Analyse von Hillary Clintons Datenoperation um Algorithmus Ada dreht die Logik der Berichterstattung zumindest potenziell auf den Kopf: Nicht Trumps Erfolg wäre ein Ausweis der Effektivität von digitaler Datennutzung, sondern Clintons Misserfolg wäre ein Ausweis für den Mangel an Effektivität von Datennutzung alleine. Allerdings gibt es auch Stimmen, die die Fähigkeiten von Ada anzweifeln.

Selbst wenn die Datenoperationen von Clinton und Trump gleichauf lagen: Technologie ist nicht alles. Der Wert der traditionell wichtigen Talente sollte daher in der Berichterstattung wieder mehr in den Vordergrund rücken. Politische Intuition, das ganz analoge Verstehen der Lebenswelt der Wähler, emotionale Intelligenz und eine robuste Vision für die Zukunft bleiben nach wie vor entscheidend. Daten alleine gewinnen keine Wahlen!

Der Fokus auf Technologie, vermischt mit der inhaltlichen Sympathie für Clinton, verstellt Deutschen zu oft den Blick dafür, dass Donald Trump in diesen Kategorien Hillary Clinton das Wasser reichen konnte. Während New York Times und Huffington Post eine Trump-Wahl für unmöglich erklärten, war Trump in der Lage ohne die Unterstützung dieser mächtigen Medien eine direkte Beziehung zu vielen Menschen in den vergesseneren Regionen der USA zu bauen, die nach nicht durch Technologie, sondern nur durch traditionelles politisches Talent wirklich zu erklären ist.

Das sollte uns zu denken geben.

Prof. Dr. Alexander Filipović im Porträt

Prof. Dr. Alexander Filipović, Leiter des zem::dg Foto: SJ-Bild, Leopold Stübner

Die aktuelle tv diskurs stellt Prof. Dr. Alexander Filipović in einem ausführlichen Porträt vor. In dem Artikel schildert Autor Alexander Grau nicht nur, wie der Leiter des zem::dg seine Leidenschaft für den Gegenstandsbereich der Medienethik fand, sondern auch, welche Perspektiven er auf aktuelle Fragestellungen und Problembereiche hat:

Inwieweit dürfen Journalisten etwa Partei ergreifen? Wie ist Öffentlichkeitsarbeit aus medienethischer Sicht zu bewerten und welche Funktion hat sie für die Gesellschaft?

Fragen wie diesen geht der Artikel nach und zeichnet dabei die persönlichen Sichtweisen des Medienethikers nach. Dass diese keine konkreten Handlunganweisungen beinhalten, sondern vielmehr verschiedene Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, liegt in seinem Selbstverständnis als Wissenschaftler und Ethiker begründet: „Es ist so etwas wie ein Credo der ethischen Arbeit, dass der Ethiker kein Politiker ist. Er kann und soll Kriterien für mögliche Handlungsoptionen
an das Ende seiner Analyse stellen. Ob diese dann aber umgesetzt werden oder wie, ist nicht mehr Sache des Wissenschaftlers, sondern bleibt der Politik überlassen, die demokratisch legitimiert ist.“

Das vollständige Porträt finden Sie auf der Internetseite der Zeitschrift tv diskurs.