Susanna Endres

Susanna Endres ist seit Februar 2017 Mitarbeiterin des zem::dg.

Wenn Science-Fiction Realität wird: Wie Roboter unseren Alltag verändern

Wie stellen wir uns Roboter vor? Der menschenähnliche Roboter, wie er im Film dominiert, ist in der Realtiät eher die Ausnahme ...

Wenn wir von Robotern sprechen, denken wir auch heute noch in erster Linie an Science-Fiction-Romane. Oder an mittelmäßige Hollywood-Streifen à la Terminator. Kein Wunder, dass die Hoffnungen und Befürchtungen, die dem Thema entgegenschlagen breiter nicht sein könnten: Während auf der einen Seite die diffuse Angst vor „Killermaschinen“, die die Existenz der gesamten Menschheit bedrohen könnten, vorherrscht, sieht die andere Seite Roboter als Heilsbringer, die die Menschheit von der Notwendigkeit der Erwerbsarbeit befreien.

Doch wie sieht die Realität tatsächlich aus?
Wohin könnten die Entwicklungen gehen?

Je nachdem, wie man den Begriff „Roboter“ definiert, sind Roboter schon heute in vielen Haushalten fester Bestandteil unseres Alltags: Vom „Rasenmäh-Roboter“ über den „Staubsauger-Roboter“ bis hin zum Kühlschrank, der bei Bedarf selbst Lebensmittel, die zur Neige gehen, nachbestellt, sind uns entsprechende Maschinen nicht fremd. Mit menschenähnlichen Robotern, wie wir sie aus Filmen oder Büchern kennen, haben diese (relativ einfachen) Geräte jedoch nicht viel zu tun. Vielleicht fällt es uns auch aus diesem Grunde so leicht, uns an ihre praktischen Funktionen zu gewöhnen.

Dass mit diesen so unscheinbaren Alltagshelfern durchaus größere ethische Fragestellungen einhergehen, verliert man dabei schnell aus dem Blick. Dabei sind zahlreiche Aspekte, wie etwa welche Daten durch die heimischen Roboter erhoben werden und was mit diesen geschieht/geschehen darf, bis heute nicht endgültig geklärt.

Auch in der Industrie – in der unter dem Stichwort „Arbeit 4.0“ oder „Industrie 4.0“ das Thema „Robotik“ ein Schlagwort geworden ist – haben und halten Roboter sukzessive Einzug. Automatisierung, Autonomisierung, Flexibilisierung und Individualisierung sind Kennzeichen der „Smart Factory“, die effizient und effektiv agieren und reagieren soll (Bendel, 2015, S. 750).

Die große Befürchtung, dass durch Industrieroboter und –anlagen sukzessive immer mehr Arbeitsplätze vernichtet werden, dominiert dabei immer wieder die Schlagzeilen. Umgekehrt können gerade in Arbeitsbereichen, in denen Arbeitskräfte fehlen, wie etwa dem Pflegesektor, Roboter eine deutliche Entlastung darstellen. Dass mit dem Einsatz von Robotern speziell im sozialen Bereich, in dem das zwischenmenschliche Miteinander von großer Bedeutung ist, jedoch auch nicht als Patentlösung angesehen werden kann und in der Umsetzung durchaus auch kritisch reflektiert werden muss, sollte dabei selbstverständlich sein (Beck, 2013, S. 7).

Sicherlich ist unser Eingangsbeispiel – der Roboter als „Killermaschine“ – sehr drastisch gewählt. Blickt man jedoch auf die aktuellen Entwicklungen im militärischen Kontext, wird deutlich, dass es gar nicht so sehr aus der Luft gegriffen ist. Drohnen, die ferngesteuert Ziele anvisieren können, stellen nur einen ersten Schritt hin zu einem vollautomatisierten Waffensystem dar. Derartige Entwicklungen werfen große ethische Fragestellungen auf, die es mit Blick auf den rasanten technischen Fortschritt zu diskutieren gilt (Weidlich, 2013, o. S.).

Dürfen Maschinen töten? Roboter und Moral

Das Einsatzgebiet von Robotern wird breiter – und dringt bis in unseren Alltag vor. Zudem werden Roboter und roboterähnliche Maschinen immer „intelligenter“. Künstliche Intelligenz, also Maschinen, die aufgrund von „Erfahrungen“ selbst lernen und ihre Handlungsabläufe anpassen können, sind bereits heute Realität. Doch was bedeutet das für moralische Fragestellungen? Können wir es zulassen, dass Maschinen über Leben und Tod entscheiden?

Mit dem selbstfahrenden Auto gelangten entsprechende Fragestellungen zunehmend in die Öffentlichkeit. Wie schwierig die Entscheidungen, um die es hierbei u. a. geht, zu treffen sind, wird etwa in dem Projekt „Moral Machine“ (http://moralmachine.mit.edu/hl/de) des Massachusetts Institute of Technology deutlich: Hier können Nutzer unterschiedliche Dilemmata, auf die selbstfahrende Autos treffen könnten, virtuell durchspielen. Im Anschluss an die eigene Entscheidung kann man sein Urteil mit dem von anderen Teilnehmer_innen vergleichen und diskutieren.

Selbstfahrendes Auto von Google. Von Michael Shick - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44405988

Eine andere Frage nach der Moral der Maschinen wirft u. a. das Stichwort „Roboterjournalismus“ auf. Schon heute werden Algorithmen dazu eingesetzt, um Sportnachrichten oder Börsenberichte zu verfassen. Doch wie steht es um Roboterjournalismus, wenn komplexere Inhalte berichtet werden sollen? Wie können Roboter entscheiden, welche Nachrichten für die Leser_innen, für die Gesellschaft wirklich relevant sind? Fragen wie diese zeigen, dass wir trotz all der technischen Potentiale, die mit den Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz einhergehen, Robotern – gerade wenn es um komplexere, ethische Fragestellungen geht – die Kompetenz der Entscheidungsfindung (noch) nicht zutrauen.

Doch was würde es umgekehrt bedeuten, wenn Roboter tatsächlich dazu in der Lage wären, moralische Entscheidungen zu treffen? Wie müssten wir mit Robotern in diesem Falle umgehen? Was wir in der Science-Fiction-Literatur unter dem Thema „Roboter-Rechte“ in naiver Faszination gelesen haben, müsste dann auch in der Realität zu diskutieren sein (Bendel, 2016, S. 189 ff.).

 

Veranstaltungstipp: International Research Conference Robophilosophy 2018

Bereits in diesem kurzen Abriss wurde deutlich, dass das Thema „Robotik“ zahlreiche Fragen aufwirft.

Welche konkreten Auswirkungen die Robotik auf die Gesellschaft haben kann, das wird auf der „International Research Conference Robophilosophy 2018 / TRANSOR 2018“ aus primär geisteswissenschaftlicher Sicht diskutiert. Aktuelle Forschungsergebnisse werden dort mit starkem Praxisbezug präsentiert.

So lauten die drei Hauptziele der Veranstaltung:

  • „present interdisciplinary Humanities research in and on social robotics that can inform policy making and political agendas, critically and constructively
  • investigate how academia and the private sector can work hand in hand to assess benefits and risks of future production formats and employment conditions.
  • explore how research in the Humanities, including art and art research, in the social and human sciences, can contribute to imagining and envisioning the potentials of future social interactions in the public space.“

Die Konferenz findet vom 14.-17. Februar 2018 an der Universität Wien statt.

Weitere Informationen und Anmeldung finden Sie auf der Veranstaltungsseite der Universität Wien.

Die Moral der Maschinen

Rückblick auf den Katholischen Medienkongress 2017

„Es ist erst der Anfang …“, unter diesem Titel fand der Katholische Medienkongress Anfang dieser Woche in Bonn statt. Und der Titel war programmatisch: Nicht nur beschrieb er treffend die inhaltliche Fokussierung der einzelnen Panels; vielmehr schien er auch die Teilnehmenden dazu zu ermutigen, optimistisch in die Zukunft zu blicken, um die Digitalität wertestiftend mit zu gestalten.

Das wurde auch in unserem Panel deutlich. Das Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft war Pate des sehr gut besuchten Panel 3 „Die Moral der Maschinen“ und somit auch für dessen Gestaltung verantwortlich. Während Prof. Dr. Klaus-Dieter Altmeppen das Panel moderierte, bereicherte Prof. Dr. Alexander Filipović die Diskussion mit seiner philosophischen Perspektive auf das Thema. Neben den beiden Leitern des zem::dg trugen Nele Heise, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Referentin an der Universität Hamburg und Prof. Dr. Petra Grimm, Dozentin für Medienforschung und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien in Stuttgart und Leiterin des Instituts für Digitale Ethik mit ihren Perspektiven zu einer differenzierten und praxisnahen Auseinandersetzung mit dem Thema bei.

"Welches Mediensystem haben wir und welches Mediensystem brauchen wir?"

Diese zentrale Frage beherrschte das spannende Gespräch sowie die Podiumsdiskussion. Denn dass es bei allem technischen Fortschritt immer auch um die Frage nach uns selbst und wie wir uns eine gute und lebenswerte Gesellschaft vorstellen geht, das stand im Zentrum all der vielfältigen und inspirierenden Stellungnahmen zum Thema. Algorithmen dominieren – in all ihrer Vielseitigkeit – immer stärker unser Leben. Das wirft wichtige ethische Fragestellungen auf. Diese Feststellung war bei allen Panel-Teilnehmern Konsens. Doch wie können und sollten wir hiermit umgehen? Können Algorithmen reguliert werden? Und was bedeuten Algorithmen für Begriffe wie „Medienkompetenz“ und „Medienbildung“? Dass gerade in diesem Bereich auch ein kreativer und produktiver Zugang hilfreich ist, betonte Nele Heise. Sie verwies hierzu exemplarisch auf die Projekte „Creative Gaming“ und „Jugendhackt“.

Das Panel zeigte auf, wie wichtig Transparenz, Datensicherheit und aber auch verantwortungsvolle Geschäftsmodelle der Medien- und Technologieanbieter sind. Dass die Kirchen als Impulsgeber hierbei eine wichtige Rolle spielen, wurde hier – aber auch bei den anderen Veranstaltungen des Kongresses – deutlich.

Es ist erst der Anfang – und noch haben wir die Möglichkeit, die Weichen zu stellen. Dass hierzu auch der medienethische Blick von zentraler Bedeutung ist, das betonte Reinhard Kardinal Marx in seinem Abschlusswort zum Kongress und nannte hierzu als positives Beispiel den Lehrstuhl für Medienethik in München.

Der Katholische Medienkongress 2017: Ein wichtiger Impulsgeber für mehr Sensibilität und Bewusstsein im Umgang mit den digitalen Medien.

Prof. Dr. Alexander Filipović im Porträt

Prof. Dr. Alexander Filipović, Leiter des zem::dg Foto: SJ-Bild, Leopold Stübner

Die aktuelle tv diskurs stellt Prof. Dr. Alexander Filipović in einem ausführlichen Porträt vor. In dem Artikel schildert Autor Alexander Grau nicht nur, wie der Leiter des zem::dg seine Leidenschaft für den Gegenstandsbereich der Medienethik fand, sondern auch, welche Perspektiven er auf aktuelle Fragestellungen und Problembereiche hat:

Inwieweit dürfen Journalisten etwa Partei ergreifen? Wie ist Öffentlichkeitsarbeit aus medienethischer Sicht zu bewerten und welche Funktion hat sie für die Gesellschaft?

Fragen wie diesen geht der Artikel nach und zeichnet dabei die persönlichen Sichtweisen des Medienethikers nach. Dass diese keine konkreten Handlunganweisungen beinhalten, sondern vielmehr verschiedene Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, liegt in seinem Selbstverständnis als Wissenschaftler und Ethiker begründet: „Es ist so etwas wie ein Credo der ethischen Arbeit, dass der Ethiker kein Politiker ist. Er kann und soll Kriterien für mögliche Handlungsoptionen
an das Ende seiner Analyse stellen. Ob diese dann aber umgesetzt werden oder wie, ist nicht mehr Sache des Wissenschaftlers, sondern bleibt der Politik überlassen, die demokratisch legitimiert ist.“

Das vollständige Porträt finden Sie auf der Internetseite der Zeitschrift tv diskurs.

 

Big Data im Diskurs

Was sind die wesentlichen Facetten und Entwicklungen von Smart Health und mHealth und wie hängen sie zusammen? Welche Chancen, welche Risiken sind mit diesen Aspekten verbunden und wie lassen sie sich ethisch bewerten?

Diesen Fragen geht die politische Akademie Tutzing in einem neuen Forschungsprojekt nach und vergibt hierzu Stipendien an motivierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Bereichen IT und Journalismus, Medizin, Philosophie und Rechtswissenschaft sowie Bildung und Sozialwissenschaften.

Ethische Fragestellungen, die mit Big Data auch Einzug in den Medizin- und Gesundheitsbereich genommen hat stehen im Zentrum des Diskurses: Datenschutz, Sanktions- und Manipulationsmöglichkeiten sind hierbei Schlagwörter, die die Schattenseiten der neuen Technik aufzeigen. Wie ist mit diesen umzugehen? Wie stehen sie im Verhältnis zu den Vorteilen, die Big Data für den Gesundheitssektor bedeutet?

Nähere Informationen zum Forschungsprojekt und zur Stipendienausschreibung finden Sie auf der Internetseite der Tutzinger Akademie.

Grundpositionen und Kommunikationsstrategie der Partei „Alternative für Deutschland“ in der Beurteilung

Studie des ICS Münster und des zem::dg München/Eichstätt stellt tiefgreifende Differenzen der AfD zu christlichen Grundoptionen heraus

Wie verhalten sich grundlegende Positionen, politische Zielsetzungen und die Kommunikationsstrategien der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) zu den Positionen der katholischen Soziallehre? Dieser Fragestellung ging ein Team des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften in Münster (ICS) zusammen mit unserem Zentrum für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft (zem::dg) nach. Neben dem Grundsatz-, sowie dem Bundestagswahlprogramm der Partei wurden dabei auch die Kommunikationsstrategie der Partei anhand einer Analyse ausgewählter Reden von ParteifunktonärInnen sowie ihrer Social Media-Strategie untersucht.

Das AutorInnen-Team – bestehend aus Marianne Heimbach-Steins, Alexander Filipović, Josef M. Becker, Maren Behrensen und Theresa Wasserer – zeigt, dass in vielen Bereichen maßgebliche Differenzen zwischen den gegenübergestellten Positionen bestehen.

Programm und Kommunikationsstrategie der AfD als Thema der Medienethik

Als medienethische Herausforderung kann dabei primär der Umgang der AfD mit den so genannten Social Media betrachtet werden: So nutzt die AfD soziale Netzwerke (vor allem Facebook) sehr intensiv und erzielt deutlich mehr Resonanz auf diesen Plattformen als andere Parteien. Im Gegensatz zu anderen Parteien lassen sich hierbei für die AfD Echokammereffekte nachweisen. AfD-Sympathisanten auf Facebook bilden eine homogene, nur innerhalb „rechter“ Gruppierungen vernetzte Gemeinschaft. Problematisch hieran ist, dass Echokammern und Filterblasen gesellschaftlich gesehen eine antidiskursive Wirkung attestiert werden kann.

Der Umgang der Medien und der Journalisten mit der AfD ist schwierig – die Problematik wurde jüngst von Bernd Gäbler beschrieben, der (Mit-)Autor einer in Kürze veröffentlichten Studie der Otto-Brenner-Stiftung ist. Wie in unserer ICS/zem::dg-Expertise geht es offenbar in der Studie ebenfalls um die Bestimmung eines kritischen Begriffs des Populismus und dessen kommunikationsstrategische Umsetzung (siehe dazu den Beitrag beim Deutschlandfunk).

Ziel der Untersuchung

Ausgangspunkt für die Vergleichsstudie waren eine Bitte und Anregung der Bevollmächtigten der katholischen Bischöfe gegenüber den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das Ziel der Untersuchung ist es, Orientierungen für eine christlich fundierte Urteilsbildung und Hilfestellungen für den Umgang mit inhaltlichen und kommunikativen Herausforderungen anzubieten, denen Christinnen und Christen in der Auseinandersetzung mit den Positionen und dem Politikstil der AfD begegnen.

Vom Team des zem::dg haben Alexander Filipović (Co-Leiter des zem::dg, Lehrstuhl für Medienethik München) und Theresa Wasserer (Lehrstuhl für Medienethik München) mitgearbeitet. Die Ergebnisse der Untersuchung werden in der Reihe der Sozialethischen Arbeitspapiere des ICS (ICS-AP Nr. 8) veröffentlicht.

Die vollständige Studie, eine Zusammenfassung sowie weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des ICS.

Katastrophen und Medienethik

„Nicht allen kann alles zugemutet werden“, Medienethiker Prof. Dr. Filipović im Interview

von Elena Lorscheid unter Inside

Prof. Dr. Filipović, Kommunikations- und Medienethiker an der Hochschule für Philosophie in München, berichtet für blmplus, welche Schutzpflicht es jüngeren Lesern und Zuschauern gegenüber gibt und inwiefern die Kultur der Toten auch unsere Kultur der Menschenwürde betrifft. Am 10. Mai 2017 diskutiert er auf der 3. Fachtagung Jugendschutz und Nutzerkompetenz zum Thema „Bilder, die Angst machen – Katastrophen und Krisen in den Medien“ #jsft17.
„Tote Menschen sollten in Großaufnahmen überhaupt nicht abgebildet werden“, so Prof. Dr. Filipović

Hinweis:
Dieses Interview wurde ursprünglich auf dem Blog der Bayerischen Landeszentrale
für neue Medien veröffentlicht. Den Originalbeitrag finden Sie unter diesem Link.

Veröffentlichen oder nicht veröffentlichen? Alexander Filipović empfiehlt Zurückhaltung, eine sorgfältige Abwägung und eine sensible Berichterstattung.

Katastrophen und Medienethik – wie geht das zusammen?
Katastrophen fordern das Medienhandeln extrem heraus. Das gilt für Journalisten genauso wie mittlerweile auch für die Internet-Nutzer, die ja nicht mehr nur passive Akteure sind, sondern die öffentliche Kommunikation mitgestalten. Die Medienethik beobachtet die Strukturen und das Verhalten von Akteuren in Katastrophen-Zusammenhängen, kritisiert dies unter Umständen und versucht Verbesserungsvorschläge zu machen.

Katastrophen, Terror und Krisen gab es schon immer. Welche Kriterien sollte die journalistische Berichterstattung darüber heute aus medienethischer Sicht erfüllen, und warum?
Bei Katastrophen kommen Menschen zu schaden, es entsteht Leid. Die Berichterstattung darüber muss sensibel geschehen. Die Würde aller Beteiligten ist ein wichtiges Kriterium. Allerdings, und das ist das zweite Kriterium, gibt es auch eine journalistische Pflicht zur Berichterstattung: Journalisten können Nachrichten nicht deswegen unberücksichtigt lassen, weil es schreckliche Nachrichten sind.

Aber auch hierbei, das ist das dritte Kriterium, muss der Faktor Zumutbarkeit zählen: Nicht allen kann alles zugemutet werden, also etwas Bilder mit Toten oder leidenden Kindern. Es gib eine Schutzpflicht mindestens jüngeren Lesern und Zuschauern gegenüber. Das vierte Kriterium ist der verantwortliche Umgang mit den eigenen Zielen. Dass man sich nicht gemein machen soll mit den Gegenständen der Berichterstattung ist nur die halbe Wahrheit. Journalisten verpflichten sich auf Menschenrechte, stehen ein für Frieden und Gerechtigkeit. Dies kann durchaus die Berichterstattung prägen.

Welche positiven und negativen Beispiele aus jüngster Zeit fallen Ihnen in diesem Zusammenhang ein?

In letzter Zeit der Germanwing-Absturz, der Terroranschlag von Nizza und der Anschlag von München. Im ersten Fall wurde beispielsweise Trauernden zu nahe gerückt, im zweiten Fall haben einige Anwesende Tote und leidende Verletzte gefilmt und die Inhalte ins Netz gestellt und im letzten Fall war man Zeuge einer Überforderung der Menschen mit der Echtzeitkommunikation.
„Neben den rechtlichen Grenzen der Berichterstattung sollen auch die moralischen nicht vergessen werden“

Zur Informationspflicht kann es gehören, Bilder zu veröffentlichen, die insbesondere Kindern Angst machen. Kann hier eine bessere Bildlesekompetenz den jungen Mediennutzern weiterhelfen?

Sicher. Aber der Ruf nach mehr Kompetenz verlagert die Lösung für ein Problem an den Einzelnen und die Erzieher. Der Ruf nach mehr Medienkompetenz darf nie ohne engagierte Lösungen für die politische Regulierung auch von Inhalten erfolgen. Und schließlich sollen neben den rechtlichen Grenzen der Berichterstattung auch die moralischen Grenzen nicht vergessen werden. Das nimmt vor allem die Journalisten in die Pflicht.

Vor allem auf den sozialen Netzwerken verbreiten sich schnell eine Vielzahl ungefilterter schrecklicher Bilder und Videos von privaten Nutzern. Worauf sollten die Urheber aus medienethischer Sicht achten?

Generell geht es darum, die Folgen des eigenen Veröffentlichens zu überschauen und einzubeziehen in die Entscheidung, poste ich das jetzt oder nicht. Bei Katastrophenbildern oder Videos sind die Folgen unmittelbar bei oder nach der Katastrophe schwer abzuschätzen. Generell empfehle ich Zurückhaltung und eine sorgfältige Abwägung, bevor irgendetwas bei Katastrophen gepostet wird. Das gilt auch für WhatsApp-Gruppen.

Wo fängt die Verletzung der Menschenwürde bei solchen Bildern an?

Tote Menschen sollten in Großaufnahme überhaupt nicht abgebildet werden. Das betrifft nicht nur die Würde der Toten sondern auch unsere Kultur der Menschenwürde. Das Leid vereinzelt den Menschen, stellt ihn bloß in seiner Hilflosigkeit. Welchen Zweck verfolgt die Veröffentlichung solcher Bilder? Ich will nicht sagen, dass es nicht sinnvoll sein kann, solche Bilder zu veröffentlichen. Es ist letztlich eine Abwägung. Das ist typisch für die Ethik. Es geht nicht um eine 100%-Regel. Es geht um Argumente, was richtig und gut ist und sein soll. Der Ethiker plädiert dafür, dass diese Diskussion dauernd stattfindet und nicht in „Alles geht“ aufgelöst wird oder nur das Recht in Betracht gezogen wird.

Terminhinweis:
Am 10. Mai 2017 diskutiert Prof. Dr. Filipović auf der 3. Fachtagung Jugendschutz und Nutzerkompetenz zum Thema „Bilder, die Angst machen – Katastrophen und Krisen in den Medien“. Alle Informationen zur Veranstaltung gibt es hier.

Neu im Netz: zemdg.de – Abonnieren Sie unseren Newsletter

Bereits im November des vergangenen Jahres fand die feierliche Eröffnung des Zentrums für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft (zem::dg) statt. Umso mehr freut es uns, dass das Zentrum nun auch seine digitale Heimat gefunden hat. Auf unserer Internetseite finden Sie alle relevanten Informationen rund um das Zentrum, Stellungnahmen zu medienethischen Fragen, aktuelle Forschungsprojekte, Publikationshinweise und Angebote aus dem Bereich der Bildung.

Newsletter

Sie möchten zukünftig über die Aktivitäten des Zentrums auf dem Laufenden bleiben? Dann abonnieren Sie doch einfach unseren Newsletter oder folgen uns auf Twitter oder Facebook! Wir freuen uns über Ihr Interesse.

Integration durch Medien?

Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk diskutiert Prof. Dr. Alexander Filipović inwieweit Medien eine integrierende Wirkung entfalten können. Dass mit der zunehmenden Verschiebung des öffentlichen Diskurses hin zu den sozialen Medien wie Twitter, Facebook oder aber auch Whats App zunehmend auch die Leserinnen und Leser selbst zur allgemeinen Meinungsbildung beitragen können, werfe neue Fragen im Hinblick auf Medienkompetenz auf.
Welche Möglichkeiten die klassischen Massenmedien haben um diesen Prozess positiv zu beeinflussen und was genau mit der Forderung nach Integrationsleistung der Medien gemeint ist können Sie im Interview online unter diesem Link nachhören.