„Arbeit Weiter Denken“ – Das Weißbuch Arbeiten 4.0 aus der Perspektive digitaler Ethik

Mit dem Weißbuch Arbeiten 4.0 hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales das Ergebnis eines umfangreichen Dialogprozesses zum Leitbild der „Guten Arbeit“ in der digitalen Gesellschaft vorgelegt.

Motivation für den Prozess ist die zu beobachtenden Polarisierung der digitalen Transformation der Arbeitswelt. Den einen „Lebensgefühl“, den anderen „Sorge“, schlägt die Digitalisierung eine „Kluft zwischen Menschen, die Freiheit und Flexibilität als Verheißung sehen und solchen, die vor allem Stabilität und Sicherheit wünschen.“ Hier setzt das Weißbuch an und interpretiert „Arbeiten 4.0“ als „Kürzel für die Veränderungen in der gesamten Arbeitswelt und ihre Folgen für die Gesellschaft“ (Andrea Nahles), die es gemeinsam mit Sozialpartnern, Verbänden, Unternehmen und Wissenschaft zu erforschen und gestalten gilt.

Themen des Weißbuchs

Neben „Treibern und Trends“ (Kapitel 1) widmet sich das Weißbuch konkreten „Spannungsfeldern“ in der Arbeitswelt der digitalen Gesellschaft (Kapitel 2) und entwickelt ein Leitbild zur „guten Arbeit im digitalen Wandel“ (Kapitel 3). Daraus abgeleitet, skizziert das Weißbuch acht Gestaltungsaufgaben: Weiterentwicklung der Arbeitslosenversicherung, flexible und selbstbestimmte Arbeitszeiten, gute Arbeitsbedingungen im Dienstleistungssektor, Arbeitsschutz im Arbeiten 4.0, hoher Standard im Beschäftigtendatenschutz, Teilhabe und Mitbestimmung im Transformationsprozess, Förderung und Absicherung von Selbstständigkeit, sowie (europäische) Perspektiven für die Zukunft des Sozialstaats. Mit einem Plädoyer für ein aufmerksames, innovatives, partizipatives, recht- und sozialstaatliches „Lernen in und aus der Transformation“ (Kapitel 5) schließt das Weißbuch und kündigt die Fortsetzung des Dialogs getreu dem Motto „Arbeit weiter denken“ an.

Aus dem 232 Seiten starken Analyse-Angebot stechen aus Perspektive digitaler Ethik neben den klassischen Diskursen der Sozialpartnerschaft zwei Punkte heraus, die exemplarisch für das umfangreiche Spektrum der entwickelten Ideen zu nennen sind: die gesellschaftliche Aufgabe der digitalen Bildung, sowie das Themenfeld Generationengerechtigkeit im Transformationsprozess.

Schwerpunkt: Digitale Bildung

Unter dem Stichwort „Digital Literacy“ beschreibt das Weißbuch den „selbstverständlichen Umgang mit Internetquellen wie insgesamt mit neuen, mobilen Computer- und Internetmedien“ als eine „Grundveraussetzung“ für Arbeit in der digitalen Gesellschaft. Auf „nahezu allen Arbeitsplätzen“ seien in Deutschland „digitale Grundkompetenzen erforderlich“, um „die beruflichen Anforderungen“ zu erfüllen. Hieraus ergibt sich die medien- und digitalethische Aufgabe der „aktiven Begleitung der Erwerbstätigen in ihren Veränderungs- und Anpassungsprozessen“.

Angesprochen ist damit auch die Frage der Generationengerechtigkeit, die im Rahmen der digitalen Transformation im Sinne eines „komplementären Lernprozesses“ – um einen Begriff von Jürgen Habermas zu leihen – begriffen werden kann. Das Weißbuch Arbeiten 4.0 begegnet dieser Aufgabe, indem es den Bedarf für eine „umfassende, langfristig ausgerichtete Qualifizierungs- und Weiterbildungsstrategie“ identifiziert und eine „Nationale Weiterbildungskonferenz“ der Bundesregierung, Länder, Sozialpartner und weiteren Akteuren als Ort der Umsetzung vorschlägt. Das Weißbuch identifiziert zudem den Bedarf für ein „flächendeckendes Netz unabhängiger und niedrigschwelliger Beratungsstützpunkte“ und „digitale Assistenz- und Tutorensysteme“, und kündigt die Prüfung von „Weiterbildungsförderung auch im Hinblick auf digitalen Kompetenzen“, sowie die Weiterentwicklung des einschlägigen Beratungsangebots der Bundesagentur für Arbeit an.

Schwerpunkt: Generationengerechtigkeit

Um die „zukunftsfeste Ausgestaltung sozialstaatlicher Leistungen“ unter den Bedingungen der digitalen Gesellschaft generationengerecht voranzutreiben, schlägt das Weißbuch ein „Persönliches Erwerbstätigenkonto“ vor. Drei Vorteile werden genannt:

1. Arbeitnehmergebundene Rechte können durch Langzeitkonten, wie sie schon jetzt von der Deutschen Rentenversicherung gepflegt werden, leichter bei einem Wechsel des Arbeitgebers übertragen werden.

2. Wenn das Konto mit einem zweckgebundenen Startguthaben ausgestattet würde, könnte die „Eigenverantwortung der Beschäftigten“ gestärkt werden, indem so berufliche Weiterqualifizierung, Existenzgründungen, Arbeitsreduzierungen, Sabbatjahre für Erziehung und Pflege, sowie der Übergang in die Selbstständigkeit oder den Ruhestand bedarfsgerecht unterstützt werden.

3. Angesichts der ungleichen Verteilung der Vermögen, die als Erbe in den folgenden Generationen eine Ungleichheit der Chancen bewirken, könnte mit einem Sozialerbe ein „zweckgebundenes Startkapital, das allen jungen Menschen ungeachtet ihrer sozialen Herkunft einmalig vom Staat zur Verfügung gestellt“ wird ein Beitrag zur „Verteilungs- und Generationengerechtigkeit“ geleistet werden, der sich besonders in Phasen der Transformation positiv auswirkt.

Dialog als Partizipation

Das persönliche Fazit von Ministerin Nahles zielt auf „die Chancen der Digitalisierung für Wirtschaft, Beschäftigung und gute Arbeit“ und fordert dabei, „die Sorgen um Arbeitsplatz- und Qualifikationsverlust, Arbeitsverdichtung und Entgrenzung“ ernst zu nehmen. Dem Weißbuch Arbeiten 4.0 gelingt dieser Spagat wie sonst wenigen einschlägigen Publikationen, unter anderem deshalb weil die Analysen der Gremien ergänzt wurden durch einen umfassenden Beteiligungsprozess mit über 50 Stellungnahmen aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft, über 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis, einem Kinofestival mit Dokumentarfilmen, Dialogveranstaltungen mit etwa 12.000 Teilnehmern und zahlreichen Begleitprojekten. Aus der Perspektive der Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft ist die partizipative, inklusive Philosophie des Dialogs ausdrücklich zu begrüßen.

Einen Link zum Weißbuch Arbeiten 4.0 finden Sie hier.

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